„Vielleicht reden wir in Zukunft mehr von Chancen und weniger von Risiken.“ Interview mit Eva Stolpmann

In Zeiten des „Lernens daheim“ erfährt die digitale Bildung einen enormen Aufschwung – anders ist Lernen momentan schließlich auch nicht möglich. Auf diesem Gebiet haben sowohl das Casi als auch die Stiftung „Bildungspakt Bayern“ als Partner in den beiden Schulversuchen „lernreich 2.0“ und „Digitale Schule 2020“ weitreichende Erfahrungen. Eva Maria Stolpmann begleitet momentan in ihrer Funktion als stellvertretende Geschäftsführerin der Stiftung den Schulversuch „Digitale Schule 2020“. Wir haben mit ihr über ihre Eindrücke zu dieser Zeit des digitalen Lernens gesprochen.

Casiopeia: Sehr geehrte Frau Stolpmann, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview nehmen. Zuerst einmal: Wie sind diese drei Wochen des Lernens daheim aus Ihrer Sicht verlaufen?

Für die Schulen, die sich mit Einsatz von digitalen Medien in der Schule bereits intensiver beschäftigt hatten, war es eine gute Bestätigung, dass sich ihre vorausschauende Arbeit gelohnt hat.  Rückblickend wird sehr deutlich, dass  man einerseits eine stabile technische Struktur an der Schule braucht, die ggf. schnell skalierbar ist. Andererseits zeigt sich, dass die transparente Organisation von Prozessen – also wie man arbeitet und kommuniziert – mindestens genauso wichtig ist. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die ersten drei Wochen für einen Teil der Schulen sehr viele Anlässe bot, sich neu oder anders aufzustellen, während andere Schulen, die technologischen Entwicklung gegenüber offen gewesen sind, das häusliche Lernen sehr gut begleiten konnten.

Haben Sie da auch Einblick, wie es in Schulen verlaufen ist, die mit der Digitalisierung bisher „nichts am Hut“ haben? Klappt es da genauso gut oder bestehen da noch Lücken?

Ich weiß, wie es an allen Modell- und Netzwerkschulen des Schulversuchs „Digitale Schule 2020“ verlaufen ist.  Zu ihren beispielhaften Erfahrungen, die aus den Telefonaten mit den Schul- oder Teamleitungen zusammengetragen wurden, werden in den nächsten Wochen Zeitschriftenartikel zur Verfügung gestellt.

Bei anderen Schulen weiß ich es nur aus Erzählungen, also nur anekdotisch. Die Unterschiede sind gewaltig, weil eben auch die technische Ausstattung an den Schulen höchst heterogen ist. Die Berichte reichen von Arbeitsmaterialien, die mit der Post verschickt werden, über den Versand per E-Mail, durchaus auch mit sehr vielen E-Mails, bis zu Schulen, die sehr kurzfristig große Komplettlösungen mit einer Vielzahl von Online-Diensten eingeführt haben. Auch das kann zu Problemen führen, wenn die Einführung nicht mit Schulungen verknüpft werden.

Sehen Sie Gefahren darin, dass die Schülerinnen und Schüler jetzt mehr Zeit am Rechner verbringen als sonst? Die Bewegung nimmt ja schließlich auch ab, wenn man nur noch vom Bett zum Schreibtisch laufen muss.

Schule und Unterricht helfen, den Tag zu strukturieren und bedingen auch, dass man rausgehen muss. Aber wie viel man sich bewegt, hängt doch viel mehr davon ob, man Lust an Sport an. Ich denke nicht, dass die Schulschließungen der Grund für Bewegungsmangel sind. Das ist eine Einstellungssache. Einstellung hat natürlich viel mit Erziehung zu tun und deshalb ist es wichtig, dass man als Kind oder als Jugendlicher kapiert, wie wichtig es ist, sich zu bewegen und fit zu sein. Und: Im Netz gibt es jetzt noch mehr Online-Angebote für Sport – entweder von lokalen Fitnesstudios oder z.B. auf YouTube. Der Basketball-Club „Alba Berlin“ bietet z. B. jeden Tag eine Sportstunde für daheim an.

Und wie, denken Sie, schaut es mit der Ablenkung aus? Werden die Schülerinnen und Schüler unaufmerksamer, wenn das Smartphone potenziell ständig neben ihnen liegt, oder denken Sie, dass die Selbstdisziplinierung da gut funktioniert?

Das ist ähnlich wie mit dem Bewegungsthema. Die Schere kann bei Kindern und Jugendlichen ganz weit auseinandergehen.  Es gibt Kinder und Jugendliche, die nicht so viel Selbstdisziplin haben, die vielleicht nicht motiviert sind oder die andere Sorgen und Probleme haben. Sie werden sich sicherlich schneller ablenken lassen. Ich kann mir vortellen, dass es gerade für Schülerinnen und Schüler schwieriger ist, daheim zu lernen, die von zu Hause wenig Unterstützung bekommen.

Die Kinder und Jugendlichen aber, die Freude am Lernen haben und sich gut organisieren können, werden schon wissen, dass sie das Smartphone regelmäßig  weglegen müssen.

Hier zeigt sich, dass Schule es schaffen muss zu vermitteln, dass Lernen auch Freude bereitet, dass man sich vielleicht auch gerne anstrengt, um etwas zu erreichen. Und es sollte auch Thema in der Schule sein, wie man digitale Medien zielführend und selbstbestimmt nutzt – wie es ja auch am Casi gemacht wird.

Am Anfang des Lernens daheim ist mebis ja unter der Last der vielen Anfragen und einem Hackerangriff zusammengebrochen. War das möglicherweise sogar eine Chance, um neue Möglichkeiten zu erproben, die vielleicht für manche Anwendungszwecke sogar besser sind als mebis?

Man muss fairerweise sagen, dass fast alle Systeme kurz in die Knie gegangen sind. Der Entscheidungszeitraum war zu knapp, um den Ansturm der Nutzer abzufedern.  Aber ich glaube, man versteht jetzt besser, welche Funktionalitäten für Kommunikation und Kooperation beim Lernen notwendig sind und welche Werkzeuge das gut abdecken können. Und man sollte schauen, was man womit vergleicht. Eine Online-Plattform für Kommunikation hat nicht die gleichen Funktionalitäten wie eine Lernplattform. Mebis ist eine Lernplattform. Da wird mit bestimmten Aktivitäten gelernt.

Das beste Beispiel für neue Möglichkeiten ist sicherlich der Videochat – ein Thema, das für viele Schulen jetzt sehr wichtig geworden ist.  Videochat kann man ganz vielseitig einsetzen, z. B. um einzelne Schüler oder kleine Gruppen zu einem Lerninhalt zu beraten oder um mal wieder die Klasse zusammen zu holen. Aber man sollte klug damit umgehen – Unterricht nach Stundenplan geht damit ganz sicherlich nicht.

Denken Sie, dass sich durch die gesammelten Erfahrungen mehr Lehrkräfte auch an Schulen, die noch nicht am Schulversuch teilgenommen haben, trauen, digitale Medien auch in ihren regulären Unterricht einzubauen?

Ja, das könnte ich mir sehr gut vorstellen. Ich glaube, dass einige jetzt doch gesehen haben, wie hilfreich digitale Medien sein können, auch um die eigene Arbeit besser zu strukturieren. An einem Beispiel kann man das auch ganz gut sehen: Von Herrn Carl weiß ich, wie er mit  „OneNote“ Hausaufgaben abgeben lässt und digital korrigiert – alles ohne großen technischen Aufwand, aber mit hilfreichen Rückmeldungen für die Schülerinnen und Schüler. Und ich denke, dass viele Lehrkräfte auf diese und andere Vorteile, die sie jetzt möglicherweise erkennen, nicht mehr verzichten wollen.

Also hat diese ungewöhnliche Situation den Vorteil, dass die Digitalisierung an den Schulen vorangetrieben wurde? Eben auch indem neue Werkzeuge entdeckt wurden?

Das würde ich schon sagen. Für die Digitalisierung im Bildungsbereich bedeutet die Krise sicherlich einen Sprung. Bei den „neuen“ Werkzeugen habe ich meine Zweifel. Online-Plattformen für die Kommunikation und Kooperation gibt es ja schon seit einigen Jahren. Aber ihr Nutzen und die vielfältigen Vorteile treten jetzt deutlicher in den Vordergrund. Vielleicht reden wir in Zukunft mehr von Chancen und weniger von Risiken – das wäre doch ein schöner Nebeneffekt.

Vielen Dank für das interessante Gespräch! Hoffen wir mal, dass nach Ostern der normale „Face-to-Face-Schulbetrieb“ wieder aufgenommen werden kann. Möglicherweise dann auch mit verstärktem Einsatz digitaler Techniken.